Bietschhorn, am Nordostgrat, Juni 2006, kurz nach Mitternacht. Der Aufstieg aus dem Tal herauf war lang und heiss. Der Schweiss rann mir vom Rücken, unter dem schwer bepackten Rucksack, wie die Regentropfen, die beim Aufprall auf das Fenster einer sich mit dem nächsten vereinen, dann kommt noch einer dazu, und noch einer, und schlussendlich bilden sie eine Regentropfenspur, die hurtig nach unten rinnt. Das Hemd und die kurze Hose waren klitschnass. Erst oben wo sich die Horizontlinie des Schafberges mit dem Himmel vereint, fächelte mir die laue Nachmittagsbrise träge ein wenig Luft zu. Weit unter mir, zu meinen Füssen so zu sagen, die Dörfer des Lötschentals. Kleine Miniaturhäuschen, eingebettet in saftig grüne Wiesen und Weiden, beschützt durch den Bannwald über ihnen, verbunden untereinander mit dem dunkelgrauen Strich der Talstrasse. Menschen sieht man von hier droben keine. Viel zu klein sind sie. Dafür umkreisen mich ein paar Dohlen. Schwereloser Flug, schwereloser Körper, wie eine Fata Morgana, getragen von der warmen Luft aus dem aufgeheizten Kessel des Jolitals. Gegen Süden die Walliser-, gegen Norden die Berner Alpen. Direkt vor mir die prächtige, stolze Pyramide des Bietschhorns. Der gezackte, vielbezahnte Westgrat schwingt sich von meinem Ruheplatz in einem eleganten Bogen nach rechts zur Gipfelfirst hoch, die weit oben, unerreichbar, so scheint es, im Leeren thront. Ich werde nicht dem Grat, der Normalrout, folgen. Ich werde auf meinem Rastplatz noch ein bisschen verweilen, dann das Becken des Nestgletschers an den Fuss des Nordgrates hinüber queren. Die mit Felsen, Blöcken und Firnschnee durchsetze Flanke steilt sich am Ende des Gletscherbeckens gegen den Nestgletscher an. Sie scheint gutmütig zu sein. Die Erstbesteiger, der legendäre Engländer Leslie Stephen und seine Lötscherführer, wählten den gleichen Weg. Wobei, dies sei zu Ehren der Lötschentaler erwähnt, der erste Besteigungsversuch wurde ein Jahr zuvor - 1858 - durch Prior Lehner angeregt und durchgeführt. Doch trotz der Fürbitte um Gotteshilfe verliessen den Prior seine Kräfte auf halber Wegstrecke. Wäre der Seilschaft den Gipfelerfolg geglückt, so hätten sie alpine Geschichte geschrieben. Nicht nur wegen der Erstbesteigung des Bietschhorns, sondern auch, weil sie als eine der ganz wenigen Erstbesteigungen eines grossen Alpengipfels durch eine rein schweizerische Seilschaft geholten hätte.
Mein Biwakplatz ist ein flacher, luftiger Felstisch, eingeklemmt zwischen zwei grossen Steinblöcken auf allem Grat oben, der sich an die 200 Meter unter mir in Nord- und Ostgrat trennt. Zu beiden Seiten verliert er sich im fahlen Licht des Halbmondes. Trotz Schlafsack und Matte kriecht ein Frösteln zum mir in meinen Halbschlaf. Ob das wohl ein sich ankündender Sonnenbrand ist? Nein, von Westen her hat der Wind aufgefrischt. Nebelschwaden ziehen mit ihm über den Grat. Bald sehe ich Sterne und Halbmond, bald sind sie vom Nebel verdeckt. Unruhiger Schlaf, unruhige Träume. Die feuchten Nebelschwaden kommen mir wie Leichentücher vor. Ich fühle mich von ihren kaltfeuchten Laken umwickelt. In Situationen wie diesen werden aus Minuten kleine Ewigkeiten. Nicht nur, dass ich mir dann jeweils Gedanken über Sinn und Unsinn solcher Unternehmen mache. Schliesslich könnte ich zuhause im warmen Bett bei meiner Liebsten liegen. Mein ganzes Häufchen Leben wird von Zweifel und Angst gepackt und zerzaust. Die Urängste, die der Dunkelheit entsteigen, sich aus meinem eigenen Gedärmen herauswinden, lasten auf mir. Wie in Trance erlebe ich mich selber. Nur die Gewissheit, in einem Grossen und Ganzen gehalten zu sein, das Wissen um die Rückkehr des Lichtes, lässt mich schliesslich in einen ruhigeren Schlaf hinein finden. Morgen bei Tagesanbruch, wenn sich die Sonne von Osten her über die Berge ergiessen wird, wenn die ersten Strahlen meine Glieder wärmen werden, wenn ich dann oben auf dem Gipfel stehe, wenn mein Herz und meine Seele wieder frei durchatmen können - morgen wird alles vergessen sein!
In den vergangen drei Jahren, wo ich an die Täler gebunden war, musste ich oft an das Bietschhorn denken. An diesen Widerstreit in mir. Zwischen Licht und Dunkelheit. Ich habe oft darüber nachgedacht. Braucht es schlussendlich vielleicht gerade diesen Widerstreit für ein erfülltes Leben?
Natürlich habe ich in dieser Zeit gleichwohl Bilder gemacht. Sie stammen mehr oder weniger alle aus dem Berner Oberland, meiner Heimat. Eigentlich wollte ich mir diese Bergfahrten als „Seniorentouren“ für später aufsparen. Nun jedoch habe ich, der Umstände halber, schon einmal einen Vorbezug von meinen „70+Konto“ getätigt. Abgesehen davon: Wer weiss schon, was die Zukunft bringt? Und wie heisst es so schön: „Life is what happens to you while you are busy making other plans“! Welchen triftigeren Grund gibt es also, den Rucksack bald wieder zu packen und loszuziehen?
Möchten Sie den NNewsletter jeweils automatisch erhaltenn? |